Bericht

über Restaurierungsarbeiten

zum Artikel

Fernsehbeitrag

über die "Rückkehr der Königin von Chemnitz" im Sachsen Fernsehen

zum Artikel

Fernsehbeitrag

über den Abbau der Orgel im Sachsen-Fernsehen

zum Artikel

Beschreibung:

Für den damals 70-jährigen Meister Friedrich Ladegast war die Orgel in der St. Petrikirche von 1888 sein letztes großes Werk. In Verbindung mit der Kunsttischlerei Henning aus Chemnitz hatte er ein Orgelgehäuse erstellen lassen, welches zu den spektakulärsten und aufwendigsten Prospektbildern in Deutschland gezählt werden darf und das sicher nicht preisgünstiger war als die Herstellung eines vergleichbaren Barockgehäuses. In einer Chemnitzer Zeitungsbeilage zur Kirchen- und Orgeleinweihung vom Oktober 1888 schrieb Bürgerschuldirektor Gsell (Kirchenvorsteher in St. Petri): Wir kennen keine moderne Orgel, die an Gediegenheit, Einfachheit bei aller Mannigfaltigkeit, Zweckmäßigkeit in Anlage und Einrichtung unserer Petri-Orgel den Rang abzugewinnen vermöchte, geschweige denn an Schönheit, Macht, Färbung und charakteristischer Abstufung der klingen Register (…) wahrlich, Chemnitz darf stolz darauf sein, eine Orgel zu besitzen, die zu den besten Deutschlands gezählt werden muss.

Von dieser letzten großen Orgel Ladegasts sind heute nur noch das Orgelgehäuse, ein Großteil des Pfeifenwerkes und die Windversorgung vorhanden. In Folge der wirtschaftlichen Größe und finanziellen Leistungsfähigkeit der Stadt war man schon im Jahre 1913 in der Lage, das Ladegastsche Orgelwerk grundlegend umzugestalten und zu modernisieren. Die Größe der Orgel (III/58) blieb zwar unverändert, doch erhielt das Instrument pneumatische Kegelladen und einen pneumatischen Spieltisch mit zahlreichen Zusatzfunktionen. Ausgeführt wurde diese Arbeit durch die Firma Jehmlich in Dresden. Das II. Manual, zu dem ursprünglich ein Anteil an den Prospektpfeifen gehörte, wurde parallel zum III. Manual (Schwellwerk) ebenfalls in einem Schwellkasten untergebracht. Die Vox humana 8' wurde separat als Fernwerk platziert und mit einem eigenen dritten Schwelltritt versehen. Sie ist auf dem III. Manual spielbar.

Neben geringfügigen Änderungen an einzelnen Pfeifen und Umbenennungen einzelner Klangfarben wurde die Disposition Ladegasts nur bei sechs Registern geändert:
Jehmlich reduzierte das I. Manual um die Stimmen Nasard 5 1/3' und Terz 3 1/5'. Im II. Manual wurde die Vox humana durch eine Fugara 8' ersetzt. Das III. Manual (Schwellwerk) wurde um Doppelflöte 8', Terz 1 3/5' und die Vox humana 8' (Fernwerk) erweitert. Im Pedal findet sich keine Zunge in 32'-Lage mehr. Ob die Ladegast-Orgel eine Posaune 32' besessen hat oder ob sie nur geplant war, ist ungeklärt.

In den 1950-er Jahren wurde die Disposition durch Jehmlich im neubarocken Sinne verändert. Mitte der 1970-er Jahre wurde ein Orgelneubau geplant. Es gab dafür konkrete Pläne des damaligen VEB Potsdamer Schuke-Orgelbaues. Auch ein neues elektrisches Gebläse aus der damaligen Bundesrepublik stand schon bereit. Nur wegen der noch offenen Sicherung der baulichen Substanz der Kirche bleib es bei den Plänen.

1987 wurde die Kirche wegen baulicher Mängel geschlossen und die Orgel später stillgelegt, indem die Verbindungen zu dem zuvor an die Emporenbrüstung verlegten Spieltisch gekappt und der als nun nicht mehr funktionsfähig beiseite gestellt wurde. Im Gottesdienst am 22. Februar 1987 hörte die Gemeinde die große Orgel, gespielt von Kirchenmusikdirektor Günther Schmidt, zum letzten Mal. In der Nacht zuvor war die Heizung ausgefallen. Die baulich begründete Stilllegung von Orgel und sakralem Raum kam damals politisch wohl nicht ungelegen.

Seit 1998 hat sich der Verein Sakralbau Petri e. V. intensiv und mit Erfolg um die Restaurierung der Kirche bemüht. Nach ihrer Wiedereröffnung stand noch die Wiederspielbarmachung der großen Orgel an, denn sie war ja immer noch unspielbar wie schon seit rund zwei Jahrzehnten. Durch die politische Wende und die Wiedervereinigung Deutschlands ergaben sich freilich völlig andere wirtschaftliche Voraussetzungen, und es galt die Frage zu beantworten, ob an der über 20 Jahre alten Entscheidung für einen Neubau festgehalten werden oder eine andere Lösung gefunden werden sollte.

Im Frühjahr 2003 untersuchten der Orgelsachverständige Christoph Zimmermann und der Orgelbauer Hartmut Schütz das nunmehr seit vielen Jahren nicht mehr klingende Pfeifenwerk. Daraus ergab sich, dass eine Rekonstruktion der ursprünglichen Ladegast-Orgel kein Ziel sein konnte, denn der gesamte technische Aufbau dieser Orgel war 1913 verlorengegangen und nur rund ein Drittel des Pfeifenwerkes von Ladegast war noch vorhanden. Einem Orgelneubau wäre aber ein seinerseits historischer Bestand zum Opfer gefallen. Die durch Jehmlich 1913 eingebaute technische Anlage war erhalten. Auch das klangliche Konzept erschien trotz der Veränderungen der 1950-er Jahre als wieder herstellbar. So wurde das Ziel die Wiederherstellung der Jehmlich-Orgel von 1913 mit den Ladegastschen Teilen von 1888 formuliert. Der Auftrag ging an unsere Orgelmanufactur nach Hardheim, da wir bereits zahlreiche Restaurierungen vergleichbarer Orgeln ausgeführt und auch ganz neue Orgeln im Stile der deutschen Orgelromantik erstellt hatten.

Die Analyse der Orgelgeschichte, der Besuch vergleichbarer Instrumente z. B. in Mittweida (Stadtkirche), Thalheim, Lichtenstein (St. Laurentiuskirche) und vor allem die umfassende Untersuchung des Bestandes vor Ort führten zu dem Restaurierungskonzept. Selbstverständlich sollte keine Originalsubstanz von Ladegast 1888 entfernt oder verändert werden. Die technische Anlage des Jehmlich-Umbaues von 1913 war zwar nicht mehr funktionsfähig, jedoch in allen wesentlichen Komponenten fast vollständig da. Darüber hinaus bot sie eine sehr gute Zugänglichkeit zu allen Teilen und damit die Möglichkeit zu dauerhafter Instandhaltung. Die gravierendsten Veränderungen, die hauptsächlich in den 1950-er Jahren stattgefunden haben, beschränkten sich hauptsächlich auf Verschiebungen, Ergänzungen und den Austausch einzelner Pfeifenreihen (hauptsächlich im III. Manual), konnten als rückgängig gemacht werden.

Die pneumatische Traktur blieb erhalten und wurde instandgesetzt. Einzelne Schwachstellen im Konzept der Anlage von 1913 wurden verbessert, z. B. durch Wiedereinrichtung der schon vorhandenen Trennung von Pfeifen- und Trakturwind, Veränderungen im mehrfachen Wechsel des Zustrom-/Abstromsystems, bessere Versorgung des Spieltisches mit ausreichender Windmenge etc. Manche Komponenten waren durch die Nichtbenutzung, mangelhafte Pflege, Klimaeinflüsse usw. doch stärker beschädigt als angenommen und verursachten deshalb einen wesentlich höheren Restaurierungsaufwand.

Auf unseren Vorschlag wurde neben dem konsequenten Beibehalten der reinen Pneumatik und der Rückführung auf den Zustand von 1913 zusätzlich eine elektrische Traktur mit einem zweiten, elektrischen Spieltisch vorgesehen. Dieser würde eine klangliche Bereicherung durch die Möglichkeiten bieten, von beiden Spieltischen aus gleichzeitig zu musizieren. Weiterhin würde dies eine besondere und unter Fachleuten gesuchte Möglichkeit darstellen, an einer Orgel die pneumatische und elektrische Traktur vergleichen zu können. Für diesen Plan ist alles Notwendige vorbereitet; alle Beteiligten wünschen sich eine baldige Realisierung.

Seit der Wiedereinweihung im Rahmen der Festwoche vom 18. - 25. Oktober 2008 erklingt die größte Kirchenorgel von Chemnitz wieder. Kirche und Orgel fügen sich heute wieder zusammen zu einem Gesamtkunstwerk, das nicht nur für den Theaterplatz, sondern für das Stadtbild von Chemnitz eine Bereicherung darstellt. Zusammen mit der Oper, dem König-Albert-Museum mit seiner Kunstsammlung und dem Jugendstilhotel Chemnitzer Hof spiegelt es ein bedeutendes Stück Geschichte dieser Stadt wieder - einer zukünftigen Orgelstadt.

>> zurück