Beschreibung St. Fidelis Stuttgart

Zur Klanggestalt der neuen Vleugels-Orgel:

Eine Situation, von der Organisten und Orgelbauer träumen: eine lebendige Gemeinde beschließt, angesichts des desolaten Zustandes ihrer Orgel Grundlegendes zu unternehmen. Einige begeisterte Gemeindemitglieder nehmen sich mit Tatkraft der Sache an und führen eine Entscheidung für einen vollständigen Orgelneubau herbei. Auf vorhandene Pfeifenbestände zweifelhafter Qualität braucht also keine Rücksicht genommen zu werden. Die verhältnismäßig neutrale Architektur der Kirche legt keinen spezifischen Stil für das neue Instrument nahe. Es gibt kein Standortproblem, die vorhandene Orgelnische erlegt auch kaum räumliche Beschränkungen auf (nun ja: etwas mehr Platz dürfte es fast immer sein…). Der Fantasie der Planer sind also keine Grenzen gesetzt. Scheinbar. Der gegenwärtige stilistische Pluralismus im Orgelbau führt leicht zu Entscheidungen, die von persönlichen Vorlieben einzelner Personen, seien es Organisten vor Ort, Orgelliebhaber, auch Orgelsachverständige, oder vom Blick auf stilistische Marktlücken innerhalb einer regionalen Orgellandschaft bestimmt sind. Bei einer Kirche, die Amtssitz des Dekanatskirchenmusikers in einer Großstadt ist, gilt es dagegen besonnener zu verfahren. Die Anforderungen der kirchenmusikalischen Situation sind die primären Vorgaben: die Orgel muss anspruchsvolles liturgisches und künstlerisches Orgelspiel mit möglichst großer stilistischer Breite erlauben, sie muss sich darüber hinaus zur Begleitung von ambitionierter Chormusik eignen. Diese funktionalen Vorgaben führten hier in Verbindung mit der angenehm halligen Akustik der Kirche und ihrer frühmodernen Architektur zu einer Orgelkonzeption, die im Kern der französischen Symphonik nahe steht, der für die katholische Orgelmusik des 19. und (zumindest frühen) 20. Jahrhunderts wohl wichtigsten Stilrichtung, aber auch deutsch-romantische Elemente enthält. Diese Stilmischung weist Parallelen zur so genannten elsässischen Orgelreform des frühen 20. Jahrhunderts auf, welche wiederum in enger geistesgeschichtlicher Beziehung zur Architektur der frühen Moderne steht, wie sie in Deutschland vor allem zwischen den beiden Weltkriegen gepflegt wurde und auch für die Kirche St. Fidelis verpflichtend war. Ein weiteres Charakteristikum dieser Strömung im Orgelbau, für die als prominentester Name derjenige Albert Schweizers steht, ist die Rückbesinnung auf die Kirchenmusik des deutschen Barock, vor allem auf die Werke Bachs, die auch heute aus der kirchenmusikalischen Praxis nicht wegzudenken sind. Auch für ihre Pflege sollten Klangfarben bereit stehen, und dies gilt auch für die neue Orgel in St. Fidelis.

Die Erfüllung all dieser Vorgaben bei einer zwar für die Größe der Kirche ausreichenden, aber doch begrenzten Registerzahl ähnelt ein wenig der Quadratur des Kreises. Es muss zwischen den verschiedenen Stilrichtungen ein gemeinsamer Nenner gesucht werden, die wesentlichen Registerfamilien sollen möglichst auf jedem Manual vertreten sein, wobei der Kunst des Intonateurs die Aufgabe zukommt, den jeweiligen Vertretern dieser Familien, welche sich im Laufe der Geschichte und in verschiedenen regionalen Orgelbaustilen durchaus unterschiedlich präsentiert haben, eine Klanggestalt zu verleihen, die einerseits möglichst charakteristisch ist, andererseits aber fähig zu einer guten Synthese im Rahmen zahlreicher Klangmischungen.

In allen Orgelbaustilen gilt die Prinzipalfamilie als klangliches Rückgrat. Die „normale“ Tonlage 8′ („Fuß“), bei welcher der gespielte dem notierten Ton entspricht, ist auf allen drei Manualen vertreten, wobei die Klanggebung vom breiteren Klang des Hauptwerkprinzipales bis zum feineren, obertönigeren des Geigenprinzipales abgestuft ist. Der im Hauptwerk sogar vorhandene eine Oktave tiefere Prinzipal 16′ ist das für die Gravität des Gesamtklanges wesentlich verantwortliche Register. Zusammen mit den drei 8′-Prinzipalen klassifiziert er die Vleugels-Orgel als „großes“ Instrument. Die eine bzw. zwei Oktaven höheren Prinzipalreihen (4′ und 2′) dienen im Wesentlichen der Aufhellung des Gesamtklanges, welche ihren krönenden Abschluss in den Mixturen findet. Diese sind ebenfalls auf allen drei Manualen vorhanden, wobei diejenige des Schwellwerkes als eine Art Zwitterwesen zur Gruppe der so genannten Aliquotregister (Quinte oder Nasat, Terz, als mehrreihige Zusammenstellung Cornet) vermittelt, deren charakteristische nasale Färbung (von Bach hochgeschätzt) nicht nur solistisch, sondern auch als Bindeglied zwischen den ansonsten einander eher fremden Mixturen und Zungen wichtig ist.

Die in der Orgelbaugeschichte nächstwichtige Familie der Flöten dient vielfältigen Zwecken: der Fülle des Gesamtklanges, der klanglichen Bindung in Mischungen mit den anderen Registerfamilien, sensiblen Begleitzwecken sowie zu solistischen Aufgaben im piano-Bereich. Sie ist in sämtlichen Fußtonlagen besetzt, in der 16′- sowie (bis auf Flauto amabile des Schwellwerkes) der 8′-Lage mit gedeckten Pfeifen (u.a. aus Platzgründen, denn diese Pfeifen sind nur halb so lang wie offene Pfeifen gleicher Tonlage), in der 4′-Lage mit größerer klanglicher Vielfalt, von der klaren Blockflöte über die weichere Holzflöte zur überblasenden Querflöte mit ihren dem entsprechenden Orchesterinstrument ähnelnden Anblasgeräuschen. Ebenfalls überblasend das Flageolet. Das Sifflet enthält die kleinsten Pfeifen der Orgel.

Ein Sonderstatus kommt der Familie der Streicher (Viola da Gamba, Salicional, Fugara sowie Viola, die zusammen mit der Vox coelestis einen typisch romantischen schwebenden Klang erzeugt) zu, die im Barock zwar nur in Süd- und Mitteldeutschland eine nennenswerte Rolle gespielt haben, im 19. Jahrhundert aber in Deutschland wie in Frankreich zentrale Bedeutung erlangten bei dem Bestreben, mit der Orgel den Klang des Orchesters nachzuahmen.

Die kraftvollste und klanglich vielfältigste Registerfamilie, die der Zungen, hier mit fast einem Viertel der Register stark besetzt, ist in keinem Orgelbaustil so wichtig wie im französischen, weshalb auch ihre meisten Vertreter hier in die französische Richtung tendieren. Dies gilt vor allem für die klassische Trias des symphonischen französischen Orgelbaues, die 8′-Zungen des Schwellwerkes (die durchdringende und gleichzeitig runde Trompete, die sensiblere Oboe und die scharf näselnde Vox humana), sowie für die Gruppe der drei Trompetenstimmen des Hauptwerkes, während Englischhorn und Schalmei des Positives sowie Posaune und Trompete des Pedals mit runderem und etwas weicherem Klang deutschen Vorstellungen näher kommen.

Apropos Pedal: angesichts der begrenzten Registerzahl ist vor allem hier, nicht zuletzt wegen des größeren Platzbedarfes, auf größtmögliche Ökonomie zu achten, weshalb auch nur die nötigsten Grundregister disponiert wurden, die für eine solide Fundamentierung des Gesamtklanges unverzichtbar sind.

Es wird sich zeigen, dass die neue Orgel in St. Fidelis im Verhältnis zu ihrer Registerzahl eine maximale klangliche Vielfalt bietet, verbunden mit subtilster dynamischer Flexibilität besonders dank der Platzierung zweier Manualwerke in Schwellkästen. Im Vergleich mit den letzten beiden neuen Orgeln ähnlicher Größe, welche in katholischen Kirchen Stuttgarts (St. Georg und St. Eberhard) erbaut wurden, wird die Entwicklung des Orgelbaues der letzten 25 Jahre hinsichtlich dieser beiden Parameter ablesbar werden. Die neue Orgel in St. Fidelis wird dem Musikleben der Gemeinde und der Orgelkultur der ganzen Stadt markante Impulse geben. Den Orgelbauern sei für ihre hervorragende Arbeit, den Verantwortlichen in Orgelbauausschuss und Kirchengemeinderat für den beharrlichen und engagierten Einsatz für die Realisierung dieses ehrgeizigen und anspruchsvollen Projektes ganz herzlich gedankt.

Prof. Dr. Ludger Lohmann
Orgelsachverständiger für die Diözese Rottenburg-Stuttgart

>> zurück