Beschreibung Ev. Domkirche Lampertheim

Ein Kunstwerk ganz besonderer Art ist die neue Orgel in Lampertheim. Die Überlegungen der Kirchengemeinde, die hierzu mehrere Jahre zurückreichen, basieren auf folgenden Gedanken: Die erste Orgel für diese Kirche erstellte der Heilbronner Orgelbauer Heinrich Schäfer 1868. Dieses Instrument wurde leider im 2. Weltkrieg zerstört. 1957 erfolgte ein Neubau durch Firma Walcker, Ludwigsburg (III/40), der den heutigen musikalischen Ansprüchen nicht mehr genügte. Eine geplante Orgelerneuerung sollte sich am Grundkonzept der Schäfer-Orgel aus dem 19. Jahrhundert anlehnen, jedoch als modernes Instrument auch darüber hinaus reichende Möglichkeiten bieten.

Nach dem Einreichen der ersten Entwürfe, die fast noch als normal bezeichnet werden können, wurden wir mit der Frage/dem Wunsch konfrontiert, dass unser Haus doch bekannt ist für außergewöhnliche und zukunftsweisende Gestaltungsvarianten. Hieraus entwickelten wir bei knapp 17 Meter Raumhöhe ein schlankes Prospektmodell von 11,50 Meter Höhe, welches in einer sehr modernen Formensprache die gotische Bewegung aufnimmt, gleichzeitig mit der ihm innewohnenden leichten Asymmetrie bewusst für eine besondere Spannung sorgt. Die Fassung durch den Künstler Eberhard Münch unterstreicht jedoch in besonderem Maße die von uns beabsichtigte Optik und das außergewöhnliche Erscheinungsbild.

So entstand hier ein Gesamtkunstwerk, welches als Instrument das Musik- und Konzertleben in Lampertheim und darüber hinaus im weiten Umfeld zwischen Heidelberg – Mannheim und Darmstadt besonders prägen kann. Nur selten trifft man eine solche Symbiose von idealem Aufstellungsort, guter Raumakustik und künstlerisch gestalterischer Freiheit, verbunden mit einem vielseitigen Klangkonzept, welches die Kirchen- und Konzertbesucher auf allen Plätzen im Kirchenraum erreicht. Insgesamt entstand so ein Ambiente, dem musikalisch eine große Zukunft offen steht.

Neben diesen Visionen war es uns besonders wichtig, ein Musikinstrument zu schaffen, welches die Gemeinde in der kirchlichen Praxis überzeugt und gleichzeitig dem Organisten eine größtmögliche spielerische Entfaltungsmöglichkeit bietet. Eine große Höhenentwicklung und Tiefenstaffelung bedeutet dabei auch lange mechanische Trakturwege, die man im Zusammenhang mit einer reichen 16′- und 8′-Palette in der Disposition (die bis in den 32′ reicht) und einem entsprechenden Windverbrauch trakturmäßig berechnen und in den Griff bekommen muss.

Mit jetzt zwei Schwellwerken wurde den romantischen Intentionen im besonderen Rechnung getragen. Im sehr hohen Untergehäuse wurde hinter einem stummen Prospektfeld und durchbrochen gestalteten Füllungen das schwellbare Positiv (II. Manual) untergebracht. Darüber befindet sich das Hauptwerk hinter den offenen 16′-Prospektpfeifen. Um Stimmgangbreite abgerückt dahinter in einem neuen Gehäuse finden wir das große Schwellwerk = III. Manual, hinter dem wiederum in freier Aufstellung das Pedal steht. Hier wird sozusagen der hintere Emporenraum als klangverschmelzender Gehäusekorpus für die tiefen Frequenzen genutzt. Dort ist auch noch Platz für den vakanten 32′, wie ihn eigentlich eine „Dom-Orgel“ erfordert.

So wird diese Orgel in Zukunft gestalterisch der Gemeinde in Lampertheim sowie den Kirchenbesuchern beim Hinausgehen die Hand reichen. Die fünf Achsen des Hauptprospektes empfinden wir in freier Interpretation symbolisch als gestalterische Hand, die einerseits die Menschen führt, andererseits auch in die Zukunft weist.
Eberhard Münch: Gedanken zur Farbgebung

Eine Orgel ist ein Instrument zum Lobe Gottes – ad maiorem gloriam Dei.

Die Farbe Blau erklingt aus der Tiefe.
Meine Aufgabe bestand darin, dem Orgelgehäuse ein würdevolles Farbgewand anzulegen. Es sollte eine zeitgemäße, moderne Farbfassung erarbeitet werden, ohne dabei historische Maltechiken zu rekonstruieren, sie aber gleichsam mitschwingen zu lassen.

Aus zahlreichen Entwurfsgestaltungen entschied sich man sich für eine blaue Orgelfassung. Umrahmt von warmen Holztönen sollte die Orgelfarbe in facettenreichen Blautönen einen farblichen Gegenpol bilden. Farbnuancierungen der Blaufamilie wurden mit hauchdünnen, wässrigen Lasuren mehrschichtig übereinander aufgebracht. Wie mit Engelsflügelschlägen folgen sie rhythmisierend der Architektur der Orgel, wirken aber auch frei davon gelöst wie ein leichtes Berühren der Oberfläche.

Der Spieltisch zeigt sich in einem klaren tiefen Blau – erdgebunden. Über dem Spieltisch ein Feld mit einer abstrakt gestalteten Farbkomposition: Hier vereinen sich all die reinen Farben – die Klaviatur der Farbklänge. Von ihm aus lösen sich die Farbklänge und legen sich teils in geometrischer Form, teils in freier organisch bewegter Form über das Orgelgehäuse.

Mein Anliegen war es, die architektonische Form der Orgel zu respektieren und ihr zu folgen. Durch malerische Stilmittel soll eine aus der Tiefe kommende Musikalität zum Klingen gebracht werden. Gelbe, rote, blaue, türkise, violette Farbakzente, leise und laute Farbtupfer geben der Komposition Kraft. Diese Farben sind auch in den Glasfenstern des Chorraumes zu finden. Der Kirchenbesucher wird somit Bestandteil der Komposition zwischen Chorraumfenstern und Orgel. Blau ist symbolisch die Farbe der Transzendenz; auch ist sie Mittler- und Spielungsfarbe zwischen Himmlischem und Irdischem, zwischen Gott und Welt. Die musikalischen Klänge der Kirchenorgel sollen den Menschen Freude und Trost spenden. Mögen die neuen Farbklänge dies an diesem Ort der Sammlung und der Heiterkeit unterstützen.

 

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